Gedicht ... Der erste Schnee

Der erste Schnee

 

Vom Himmel fallen dichte Flocken;
da sitzt auf seinem Lieblingsplatz,
dem dürren Ast, der junge Spatz
und piept und zetert ganz erschrocken:
„Heda, was kommt denn da herunter?
Das wird ja toller stets und bunter!
Ei, sagt mir eins, was ist denn das?
Schlohweiße Flöckchen, kalt und naß?

Ich bin doch bald
acht Monden alt,
und habe so was nie gesehn,
wie soll ich nur das Ding verstehn?
Und immer kommt noch mehr und mehr;
weiß ist die Erde rings umher,
die Wiesen und die Wege,
die Felder und Gehege.

Was soll denn wieder diese Neurung?
Ist’s nicht genug an Frost und Teurung?
Wie soll man da ein Krümchen finden?
Und wie das blitzt schier zum Erblinden!
Bedeckt sind Hügel, Dor und Wald,
und jedes Zweiglein naß und kalt.
Man gleitet aus bei jedem Schritt;
pfui doch, da spiel ich nicht mehr mit!
Wie soll sich unsereins da noch
vor Schnupfen und Erkältung hüten?
Ei, solchen Unfug sollte doch,
potz Spitz! die Polizei verbieten.“

von Julius Lohmeyer (1834 – 1903)

 



Foto: gefunden bei Pexels

 

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